Methadon – Verhindert die Pharmaindustrie eine revolutionäre Krebstherapie?

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Methadon – Verhindert die Pharmaindustrie eine revolutionäre Krebstherapie?

Methadon – Verhindert die Pharmaindustrie eine revolutionäre Krebstherapie?

Seit der ARD-Sendung „Plusminus“ wird viel über den Einsatz von Methadon bei Krebs diskutiert. Laut einem im Fernsehen zitierten Forscherteam aus Ulm soll Methadon zusätzlich zu einer Krebstherapie die Heilungs- und Überlebenschancen stark erhöhen. Nun löscht jedoch der Vorstand des Uni-Klinikums sämtliche Pressemitteilungen über Projekte zu Methadon in der Krebstherapie von Dr. Claudia Friesen von der Homepage.

Methadon (6-Dimethylamino-4,4- diphenylheptan-3-on) ist bislang vor allem als Substitutionsmittel in der Entzugstherapie bei Heroinabhängigkeit bekannt. Das synthetisch hergestellte Opioid kommt als links- und rechtsdrehendes Enantiomer (L- oder Levo- und R- oder Dextromethadon) vor.  Die Wirksamkeit ist an die linksdrehende Form gebunden, jedoch stellt das rechtsdrehende Enantiomer ein potentes Antitussivum dar.

In den vergangenen Jahren ist es allerdings als potenzielles Krebsmedikament in den Fokus der Forschung gerückt. Die Chemikerin Dr. Claudia Friesen vom Universitätsklinikum Ulm konnte in Laborexperimenten zeigen, dass das Opioid in Kombination mit einer Chemotherapie zu einem Massensterben von Glioblastomzellen führt. Die Wissenschaftlerin betont jedoch, dass sie Methadon nicht als Wunderheilmittel sieht, sondern lediglich als Chance für diejenigen Krebspatienten, die als aus­therapiert gelten oder die sehr schlecht auf eine Chemo- oder Strahlentherapie ansprechen.

Bereits im August 2016 haben die Medizinische Fakultät der Universität Ulm, das Universitätsklinikum Ulm und das Comprehensive Cancer Center Ulm in einer Stellungnahme betont, dass die Forschungsergebnisse von Dr. Friesen auf Studien mit Zellkulturen und Tiermodellen beruhten und nicht auf die Situation von Krebspatienten übertragen werden könnten.

Wie die Ulmer Südwest Presse berichtet, hat die Leitung des Klinikums die Pressemitteilungen sowie die Fragen und Antworten zum Thema Methadon von der Klinik-Homepage entfernt. Prof. Udo Kaisers, Leitender Direktor der Universitätsklinik, erklärte, dass aufgrund der vielen Nachfragen zeitweise die Telefonanlage überlastet gewesen sei. Viele Patienten hätten zudem unrealistische Erwartungen und erhofften sich ein Allheilmittel.

Nach Kritik an diesem Vorgehen verweist die Klinikumsleitung in einer aktuellen Pressemitteilung darauf, dass kontrollierte klinische Studien notwendig seien, um die Wirksamkeit und die Verträglichkeit von Methadon in der Schmerz- und Tumorbehandlung abschätzen zu können. Das Universitätsklinikum wolle in Zukunft solche Testreihen fördern und die Forscherin unterstützen.

Der Einsatz von Methadon außerhalb klinischer Studien sei laut der Stellungnahme nicht gerechtfertigt und könne zu unrealistischen Erwartungen bei Patienten führen. Im Glauben an das vermeintliche Wundermittel würden andere, wirksame Therapiekonzepte abgelehnt. Zudem bestünden erhebliche Nebenwirkungen, welche die Lebensqualität deutlich einschränken.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie zweifelt an der Wirksamkeit und Sicherheit von Methadon in der Krebstherapie und warnt in einer Stellungnahme vor den möglichen Gefahren.

Die Medienberichte beziehen sich auf eine einzige Studie, die im März 2017 veröffentlicht wurde. Diese Studie wird von der Fachgesellschaft aufgrund methodischer Mängel kritisiert. Die 27 Patienten mit Gliomen befanden sich in unterschiedlichen Stadien (II-IV) und Krankheitssituationen und hatten unterschiedliche Risikofaktoren. Neben Methadon erhielten alle Studienteilnehmer eine Chemotherapie. Die Berechnung der progressionsfreien Überlebenszeit sei unscharf und es bleibe unklar, ob ein günstiger Therapieverlauf auf die Methadon-Einnahme zurückgeführt werden könne. Aufgrund des Risikos einer möglicherweise erhöhten Sterblichkeit, wie sie in an einer anderen Studie unter Methadon festgestellt wurde, hält die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie einen Off-Label-Use für nicht gerechtfertigt.

Methadon in der Schmerztherapie

Nach oraler Administration wird Levomethadon rasch aufgenommen und verteilt. Die orale Bioverfügbarkeit kann interindividuell zwischen 60 % und 100% variieren. Für den hepatischen Metabolismus sind primär die Isoenzyme CYP3A4 und CYP2D6 zuständig. Aufgrund der interindividuell variablen Pharmakokinetik muss die Dosis bei jedem einzelnen Patienten individuell eingestellt werden. „Low-quality evidence“ – so kommen die Autoren in einem aktuellen Cochrane Review zu dem Schluss, dass sich der Einsatz von Morphin und Fentanyl in der Behandlung von Krebsschmerzen einfacher gestaltet. Methadon hat jedoch, so die Wissenschaftler, einen möglichen Platz in der Therapie für Patienten, die andere Opioide nicht tolerieren.

Schlussfolgerungen

Die vorgelegten Daten zur Wirksamkeit von Methadon bei Patienten mit Gliomen beruhen auf einer einzigen, unkontrollierten Studie. Diese Daten müssen in kontrollierten Studien überprüft werden, idealerweise in einer randomisierten Studie. Auf der Basis der bisher vorliegenden Daten zur Wirksamkeit und des möglichen Risikos einer erhöhten Sterblichkeit ist eine unkritische Off-Label-Anwendung von Methadon in der Krebstherapie derzeit nicht gerechtfertigt!

Literatur

  1. Methadon in der Krebstherapie – Klinikum stellt Forscherin kalt Südwest Presse, 10.07.2017
  2. Gemeinsame Stellungnahme der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm, des Universitätsklinikums Ulm und des Comprehensive Cancer Center Ulm zur Tumortherapie mit Methadon vom 23.08.2016
  3. Methadon in Krebstherapie: Ulmer Klinikum will Studienreihe fördern Südwest Presse, 10.07.2017
  4. Methadon bei Krebspatienten: Zweifel an Wirksamkeit und Sicherheit Stellungnahme der DGHO, 26.04.2017
  5. Onken J et al. Safety and Tolerance of D,L-Methadone in Combination with Chemotherapy in Patients with Glioma, Anticancer Research 2017; 37(3): 1227-1235.
  6. Ray WA et al. Out-of-hospital mortality among patients receiving methadone for noncancer pain, JAMA Intern Med 2015; 175(3): 420-427.
  7. Nicholson AB et al. Methadone for cancer pain, Cochrane Database Syst Rev. 2017 Feb 8;2:CD003971. doi: 10.1002/14651858.CD003971.pub4.

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